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LESUNGEN - und mehr

Bibel und Literatur

Unsere Kultur wurde über Jahrhunderte und wird noch heute durch das 'biblische Denken' geprägt. Unser moralisches Empfinden und Urteilen, unsere Bilderwelt und Sprache ist von ihr zutiefst bestimmt. Aber nicht allein der Volksmund (z.B.: Wer suchet, der findet!), die bildende Kunst (z.B. 'Das Abendmahl' von Leonardo da Vinci) und die Musik (z.B. Verdis Oper 'Nabucco') werden durch den biblischen Text initiert , sondern auch zahlreiche literarische Werke erhalten aus diesen Schriften ihre Inhalte und Motive. So verarbeitet z.B. Goethe (Faust - Erster Teil) im Prolog im Himmel die Hioberzählung und ringt im Studierzimmer um die richtige Übertragung des Johannesprologs (s.u.). 
Andererseits bietet die Verarbeitung biblischer Inhalte z.B. in Romanen und Gedichten neue Sichtweisen auf den Bibeltext. So entwickelt sich ein Zwiegespräch  zwischen verschiedenen Perikopen aus der Schrift und exemplarischen Stücken aus der Literatur.

Die Texte aus Bibel und Literatur werden kurz eingeführt und dann vorgetragen.

 

Als Beispiel:
Goethe, Faust (Erster Teil) - Prolog im Himmel

DER HERR. Hast du mir weiter nichts zu sagen?

    Kommst du nur immer anzuklagen?

    Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

MEPHISTOPHELES.

    Nein, Herr! ich find' es dort, wie immer, herzlich schlecht.

    Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,

    Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.

DER HERR. Kennst du den Faust?

MEPHISTOPHELES. Den Doktor?

DER HERR. Meinen Knecht

MEPHISTOPHELES.

    Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.

    Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.

    Ihn treibt die Gärung in die Ferne,

    Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;

    Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne

    Und von der Erde jede höchste Lust,

    Und alle Näh' und alle Ferne

    Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

DER HERR.

    Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,

    So werd' ich ihn bald in die Klarheit führen.

    Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,

    Daß Blüt' und Frucht die künft'gen Jahre zieren.

MEPHISTOPHELES.

    Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren,

    Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,

    Ihn meine Straße sacht zu führen!

DER HERR. Solang' er auf der Erde lebt,

    Solange sei dir's nicht verboten.

    Es irrt der Mensch, solang' er strebt.

 

 

und: Studierzimmer

Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd'ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt's, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.

Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.

Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh' ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

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